
Arctic Fox Initiative
Lesedauer 6 Minuten
Masterstudentin Anna Henriksson erforscht die Wärmeeigenschaften des Polarfuchsfells und die Folgen eines neuartigen Läusebefalls bei diesen gefährdeten Tieren. Hier beschreibt sie ihre Eindrücke von einem ganz besonderen Arbeitsplatz im hohen Norden Skandinaviens und erzählt von einer überraschenden Begegnung.
Text: Anna Henriksson Fotos: Privat
Die ersten Tage in Longyearbyen, dem größten Ort der norwegischen Inselgruppe Spitzbergen, waren anstrengend, aber auch sehr lehrreich. Wir verbrachten den Großteil des Tages im Labor, untersuchten Polarfüchse, durchkämmten sie nach Läusen und dokumentierten alle Erkenntnisse.
Obwohl ich mich monatelang mit Polarfüchsen beschäftigt und vermeintlich alles über sie gelernt hatte, warteten noch ein paar Überraschungen auf mich. Ich hatte so gut wie alle Bücher über ihr Fell gelesen. Trotzdem bekam ich große Augen, als ich zum ersten Mal ihre Pfoten sah. Es kam mir vor, als ob der Fuchs in Wollgras getreten und davon einiges an den Pfoten hängengeblieben sei. Das ergibt aber auch Sinn – sein lateinischer wissenschaftlicher Name lautet schließlich Vulpes lagopus, „der hasenfüßige Fuchs“. Diese Bezeichnung nimmt Bezug auf die Pfoten des Polarhasen, die im Winter ähnlich flauschig sind. Tatsächlich nimmt die Dicke des Fells an den Pfoten des Polarfuchses im Winter um mehr als das Doppelte zu. Dadurch sehen sie aus wie kleine weiße Kissen. Der Name könnte also nicht passender sein.
Arbeitstage in der Natur – erster Versuch.
Alles war gepackt. Es konnte losgehen. In den letzten Tagen war ich jedes Detail meines Forschungsprojekts noch einmal genau durchgegangen, hatte meine gesamte Ausrüstung überprüft und mir sogar kurz einen Husky „ausgeliehen“, um die Auslöser meiner Infrarotkamera zu testen. Warum einen Husky? Weil er unter allen Tieren dem Polarfuchs am meisten ähnelt.
Nachdem ich die Aufnahmen meines Husky-Tests gesehen hatte, gab ich meinen Vorgesetzten grünes Licht: Am nächsten Tag konnten wir aufbrechen. Als ich allerdings die Dokumente fertigstellen wollte, ging alles schief. Das Programm sowie alle Einstellungen und Konfigurationen, die wir monatelang ausgearbeitet hatten, waren gelöscht. Ich versuchte, ruhig zu bleiben, stellte mir aber die Frage, warum das gerade mir passiert. Und warum jetzt, am Abend vor dem großen Tag?
Ich versuchte verzweifelt, das Problem zu lösen, und bemerkte dann erst, dass ich schon seit Stunden nichts mehr gegessen hatte. Ich wollte so viel wie möglich retten, musste mir aber eingestehen, dass ich hungrig, müde und gestresst wahrscheinlich nicht weiterkommen würde. Meine Vorgesetzten erkannten dieses Problem kurz vor mir, weshalb ihr Befehl lautete: Pizza essen und schlafen gehen. Und genau das tat ich. Schließlich hatten sie so etwas schon tausend Mal erlebt und wussten, was ich gerade durchmachte. Ich hatte wirklich Glück, sie an meiner Seite zu haben – ihre Gelassenheit war ansteckend.
Ich sagte mir, dass Rückschläge nun einmal dazugehören und ich aus ihnen nur lernen kann. Am nächsten Tag schaute ich ein wenig verbittert durch das Fenster über das Adventdalen. Das Wetter war so schön – und ich saß hier drin und bügelte meine eigenen Fehler aus, anstatt draußen zu forschen. Schließlich schaffte ich es und konnte die wichtigsten Teile des Programms wiederherstellen. Da alles gut aussah, belohnte ich mich mit einem Spaziergang im nie enden wollenden Sonnenuntergang.
Arbeitstage in der Natur – zweiter Versuch.
Die Wettervorhersage war gut. Ich war optimistisch. Früh morgens checkten wir noch einmal unsere Packliste und stellten sicher, dass alle Geräte und Kabel dabei waren, um die Akkus mit dem Solarpanel und der Infrarotkamera zu verbinden. Einen weiteren Fehler konnte ich mir nicht leisten.
Die Fahrt zu unserem Forschungsgelände war ruhig. Das Adventdalen ist zu dieser Jahreszeit in eine Schnee- und Eisdecke gehüllt, sodass man mit dem Schneemobil schnell und gut vorankommt. Nach einiger Zeit waren wir endlich da. Es war sehr steil und der Schnee steinhart. Man musste aufpassen, dass man nicht ausrutscht. Ich erkannte das Gelände von den Fotos, die ich schon so oft studiert hatte. Als ich einen bestimmten Felsen entdeckte, wusste ich genau, wo der Fuchsbau versteckt war. Wie ein kleines Kind wollte ich sofort hinrennen und hineinspitzeln, hielt mich aber zurück. Wir waren schließlich ein Team und ich war in diesem Bereich noch völlig neu. Gemeinsam näherten wir uns langsam und stellten fest, dass noch keine Füchse hier waren. Außerdem lag eine dicke und harte Schneeschicht über dem Eingang des Baus. Können die flauschigen kleinen Pfoten, die ich vor ein paar Tagen noch unter die Lupe genommen hatte, wirklich durch diese feste Schneedecke hindurchgraben? Werden hier dieses Jahr überhaupt Füchse sein? Ich konnte mir nicht lange Gedanken über diese Fragen machen, denn wir begannen direkt mit der Arbeit.
Langsam bahnten wir uns den Weg durch den schweren Schnee und wechselten uns dabei ab – die einen gruben, die anderen trugen das schwere Werkzeug und die Ausrüstung nach oben. Wir mussten sichergehen, dass alles an seinem Platz befestigt war: Die Ausrüstung musste nicht nur dieses raue Klima überstehen, sondern auch die Rentiere von Spitzbergen – die sind nämlich dafür berüchtigt, dass sie wissenschaftliche Experimente ruinieren, weil sie sich gerne an der Ausrüstung reiben.
Ich hatte bisher zwar schon oft Hinweise auf Füchse gesehen oder gehört, aber noch nie einen Polarfuchs in freier Wildbahn erlebt.
Anna Henriksson
Der Tag war wunderschön, aber auch eiskalt. Während wir alles aufbauten, musste ich ab und zu innehalten und mich kurz umsehen. Ich hatte bisher zwar schon oft Hinweise auf Füchse gesehen oder gehört – das Echo ihres Gebells oder frische Pfotenspuren im Schnee –, aber noch nie einen Polarfuchs in freier Wildbahn erlebt. Da sie sich mit ihrem weißen Fell vor dem ungeschulten Auge hervorragend im Schnee verstecken können, standen die Chancen für mich auch nicht sehr gut, hier einfach so einen zu entdecken.
Wir montierten die gesamte Ausrüstung, prüften ein-, zwei und sogar dreimal, dass alles funktionierte, und sicherten dabei jegliche Kabel vor neugierigen Füchsen. Wir gingen davon aus, dass ein paar Füchse vorbeikommen und unsere Station untersuchen würden – und wenn es etwas zum Anknabbern gäbe, würden sie es auch anknabbern.
Wir packten alles zusammen und fuhren hoffnungsvoll zurück nach Hause. Wir sehen uns im Juli, meine liebe Kamera!
Eine überraschende Begegnung in Longyearbyen
Als wir wieder in Longyearbyen ankamen, brodelte die Gerüchteküche: „Ein Polarfuchs soll sich in der Gegend herumtreiben.“ Ein Freund aus der Gegend hatte mir schon am Vorabend eine Nachricht geschickt. Aber nach dem langen Tag war ich erschöpft gewesen und bin direkt ins Bett gegangen. Ich konnte sowieso nicht mehr klar denken.
Da diese Tiere sehr aktiv und viel unterwegs sind, dachte ich, dass unser kleiner Freund sicher schon über alle Berge sei. Aber es war einen Versuch wert. Schließlich hatte ich noch nie einen in freier Wildbahn gesehen.
Die letzten Tage waren sehr intensiv gewesen, also war eine gemütliche Wanderung am Stadtrand genau das Richtige. Nach ungefähr einer Stunde legte ich auf einem kleinen Hügel eine Pause ein und blickte über Longyearbyen im Sonnenschein. Ich ließ meinen Blick über die Landschaft wandern, sah aber keine Spuren oder andere Anzeichen von Füchsen. Obwohl mir klar war, dass ich hier und heute wohl keinen mehr zu Gesicht bekommen würde, war ich etwas enttäuscht.
Plötzlich hatte ich jedoch das Gefühl, beobachtet zu werden … versuchte aber, den Gedanken gleich wieder zu verwerfen. Doch dann sah ich ihn auf einmal: Zwei große gelbe Augen blinzelten mir aus der Ferne zu. Ohne die dunklen Gebäude im Hintergrund hätte ich ihn niemals gesehen. Sein Fell war perfekt, strahlend weiß und fügte sich mühelos in die verschneite Umgebung ein. Die perfekte Tarnung in der Arktis!
Wir umkreisten einander. Ich ging den Hügel hinunter und kam ihm etwas näher, während er um mich herumlief, meine Spuren untersuchte und sich in meinem Duft wälzte.
Eine Stunde lang waren wir weniger als zehn Meter voneinander entfernt. Er gab die Richtung vor und ich kam ihm nicht zu nah. Eine Weile genossen wir die warme Sonne. Dann schoss er den Hügel hinauf. Ich kam nur langsam hinterher, schließlich sind meine menschlichen Beine für diese Schneemengen nicht gemacht. Ich fotografierte ihn, er schnupperte ein wenig – es war perfekt.
Veröffentlicht: Dezember 2023
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