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Die ungewöhnlichste Expedition der Welt

Fjällräven Polar
Lesedauer 11 Minuten
Zwanzig Menschen wie du und ich durchqueren mit dem Hundeschlitten die skandinavische Arktis: Der Fjällräven Polar ist ein einzigartiges Abenteuer.
7:30 Uhr morgens am ersten Dienstag des April 2023, tief in der wilden Landschaft der skandinavischen Arktis: Der Schneesturm ist eine echte Herausforderung für die zwanzig Abenteurerinnen und Abenteurer, die sich auf die letzte Etappe ihrer 300 km langen Hundeschlittenexpedition durch eine riesige Bergregion vorbereiten. Sie kämpfen gegen den heulenden Wind und den eisigen Schnee, der sich auf ihren fellbesetzten Kapuzen festgesetzt hat, bauen gemeinsam ihre Zelte ab und packen ihre Schlitten.
In den letzten vier Tagen sind sie über zugefrorene Seen, durch dichte Kiefernwälder und vorbei an den heiligen Bergen der Samen gereist. Ihre Körper sind wund, ihre Lippen aufgesprungen und ihre Gesichter vom gestrigen Sturm gezeichnet.
Ihre Hunde, die jetzt in Zweierreihen aufgereiht sind, spüren den bevorstehenden Aufbruch. Sie heulen, springen und toben im Schnee herum, begierig darauf, ihre Abenteurerinnen und Abenteurer tiefer in die Berge und zum Ziel zu ziehen, das 60 km weiter nördlich hinter der norwegischen Grenze liegt. Nachdem sie das Lager verlassen haben, ein Schlitten hinter dem anderen, verwischt der Neuschnee schnell jede Spur ihrer Anwesenheit.
Aber diese Abenteurerinnen und Abenteurer sind nicht das, was sie zu sein scheinen. Das Überleben in dieser polaren Landschaft ist für die meisten dieser zwanzig Personen eine völlig neue Erfahrung. Unter ihnen sind Mark Thompson, ein Grundschullehrer und Pfadfinderführer aus Irland, Nooshin Hamzehloo, eine iranischstämmige Steuerprüferin aus Stockholm, und Katrin Riedmayr, eine Klimaschutzmanagerin aus Deutschland. Ebenfalls dabei: der französische Fotograf Conrad Vitasse und Kert Kivaste aus Estland, der sich als Technikfreak beschreibt. Diese zwanzig Personen repräsentieren dreizehn verschiedene Länder – und obwohl sie alle ihre persönlichen Gründe haben, warum sie hier sind, eint sie eine gemeinsame Vision: sich kopfüber in ein einzigartiges Abenteuer zu stürzen, um sich selbst auf die Probe zu stellen und zu entdecken, was es bedeutet, ein Polarabenteurer zu werden.
Der Ruf der Wildnis
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer hatten sich ihren Platz auf dem Fjällräven Polar 2023 im Dezember 2022 verdient. Die Kosten werden übernommen. Für alle, die sich mehr Wildnis in ihrem Leben wünschen, ist die Prämisse einfach: Jede und jeder weltweit kann sich online für einen Platz auf der Expedition bewerben. Fjällräven will mit der Veranstaltung zeigen, dass mit der richtigen Ausrüstung und dem richtigen Wissen jede und jeder die Natur unter arktischen Bedingungen genießen kann, unabhängig von ihrer oder seiner bisherigen Outdoor-Erfahrung. Der Fjällräven Polar richtet sich an ganz normale Menschen, die mit Hilfe eines kleinen Expertenteams und 180 alaskischen Schlittenhunden Außergewöhnliches leisten wollen.
In diesem Jahr beginnt die 300 km lange Strecke bei den Hundezwingern und der Lodge von Kenth Fjellborg, einem der erfolgreichsten Musher Schwedens, der seit den Anfängen des Fjällräven Polar im Jahr 1997 bei der Veranstaltung dabei ist. Hier erhalten die Teilnehmenden ihren Schlitten, ein Rudel von sechs Hunden und alle nötigen Anweisungen. Dabei geht es um das Lenken, Bremsen und Gleichgewichthalten sowie das Anschirren und Positionieren der Hunde in Zweierreihen.
Von Kenths Lodge aus führt die Route nach Norden zur norwegischen Grenze. Fünf Tage lang werden die ständig wechselnden Landschaften alle auf Trab halten. Der Schnee wird tiefer, die zugefrorenen Seen werden größer und die Tundra wird weiter. Sie durchqueren dieselben Gebiete, die seit Generationen von samischen Rentierzüchtern bewohnt werden, und sind völlig losgelöst von ihrem Alltag zu Hause. Schließlich werden sie die Wälder des Tieflandes hinter sich lassen und über die Baumgrenze in die Berge vordringen. Hier müssen sie zusammen mit ihren Hunden in schwierigem, steilem und ausgesetztem Gelände hart arbeiten – ein echter Test für ihre Energiereserven, der sie an ihre Grenzen bringt. Nach einer dramatischen Abfahrt werden sie das Ziel in dem kleinen norwegischen Dorf Signaldalen erreichen.
Doch bis dahin gibt es noch eine Menge zu tun.
In den Norden
Am ersten Tag werden die zwanzig Arktis-Neulinge in kleinere Viererteams aufgeteilt. Sie müssen schnell lernen, wie sie während der Expedition gemeinsam arbeiten, leben und reisen können. Nachdem sie sich mit den Grundlagen des Hundeschlittenfahrens vertraut gemacht haben, reisen die Teams zum zugefrorenen See von Väkkäräjärvi und nehmen einen Rhythmus auf, der ihnen von Tag zu Tag vertrauter werden wird: Sie binden die Schlitten ab, bringen die Hunde unter und ersetzen deren Geschirre durch einen entspannenden Trockenmantel. Sie packen die Expeditionszelte aus und bauen sie auf. Sie zünden die Kocher an, um den Schnee für das Abendessen zu schmelzen. Sie zerkleinern das Hundefutter, wärmen es auf und verteilen es an das Rudel. Später isst das Team zu Abend, kocht mehr Wasser für das Frühstück am nächsten Morgen ab und rollt die Schlafsäcke und Matten für eine Nacht in der Wildnis aus.
Hier draußen gibt es nie nichts zu tun. Bei Sonnenaufgang beginnt die Routine von Neuem: Die Kocher anheizen, um Wasser zu erwärmen, die Hunde füttern, die Zelte abbauen, die Hunde wieder in ihre Geschirre schnallen, mehr Wasser kochen, die Hunde am Schlitten anleinen und die Schlitten vollpacken. Dabei ist darauf zu achten, dass wichtige Dinge wie Snacks und Wasser auch unterwegs leicht zu erreichen sind. Am Morgen des zweiten Tages brauchen die Teams drei Stunden, um ihr Lager abzubauen und aufzubrechen. Aber sie lernen schnell. Am dritten Tag verkürzen die Teams die Abfahrtszeit um eine Stunde: Sie haben sich an das Leben in der Arktis, ihre Hunde, ihre Ausrüstung und aneinander gewöhnt.
Dank ihres Trainings vor der Expedition haben die Teams das nötige Know-how erworben, um zu überleben. Dennoch werden sie ständig an die goldenen Regeln erinnert. Regel Nummer eins: den Schlitten nicht loslassen. Die Hunde sind zum Laufen da, und wenn sie einmal in Fahrt sind, hören sie nicht mehr auf. Regel Nummer zwei: Nicht nass werden. Wenn man nass wird und dann unter arktischen Bedingungen friert, kann das ein abruptes Ende der Expedition bedeuten. An solch extremen Orten können kleine, scheinbar unbedeutende Dinge wie ein nasser Handschuh, eine fehlende Wasserflasche oder ein verlorener Löffel ein großes Problem für ein Team darstellen. „Jeder muss alles geben, sonst klappt es nicht. Wir kämen zu spät, die Hunde wären hungrig, wir hätten nichts zu essen oder zu trinken – jeder hat seine eigene Rolle zu spielen“, erklärt Katrin. „Am ersten Tag hatten wir ein Problem mit einem Löffel, der verschwunden war. Da gab es also eine kleine Unstimmigkeit. Aber jetzt hat alles seinen Platz. Wir haben es geschafft, über solche Kleinigkeiten hinwegzukommen.“
Während die Teams in den Norden reisen, genießen sie die Erfahrung, von ihrer Welt zu Hause abgeschnitten zu sein. Man blickt ihn müde, aber glückliche Gesichter, wenn die Arbeit am Schreibtisch durch einfache, aber wichtige Aufgaben ersetzt wird, wie z. B. Wasser aus einem Eisloch zu holen oder auf dem festgefahrenen Schnee zu knien, um mit einer kleinen Axt gefrorenes Hundefutter zu zerkleinern. Mark ist oft beim Schneeschaufeln im Einsatz: „Hier ist Schaufeln alles. Schneewege schaufeln, für die Küche schaufeln. Zu Hause macht man sich das Abendessen und sieht dann eine Stunde lang fern. Das kann man hier nicht.“
Im Laufe der Tage denken viele Teilnehmer über ihr Leben zu Hause nach. Andere konzentrieren sich ganz auf das Hier und Jetzt. Im Mittelpunkt der Expedition steht jedoch für alle die Möglichkeit, gemeinsam über das Leben und ein einzigartiges Abenteuer zu diskutieren. Während der fünf intensiven Tage verwandeln sich die Teilnehmenden von völlig Fremden in die engsten Teams. Einige knüpfen Freundschaften, die über das Leben am Polarkreis hinausgehen werden.
Von Fremden zu Helfern
Je weiter die Expedition voranschreitet, desto länger werden die Tage auf dem Schlitten und desto komplexer wird das Gelände. Es zwingt die Teams dazu, ihre Technik im Umgang mit dem Hundeschlitten zu beweisen. Schließlich macht sich die körperliche Anstrengung der Reise bemerkbar. Die Knie schmerzen vom Laufen im tiefen Schnee, die Finger von der lange anhaltenden Kälte und die Arme vom stundenlangen Festhalten am Schlitten. Für viele ist es eine neue Erfahrung. „Heute Morgen habe ich gespürt, dass meine Knöchel und mein Knie ein wenig schmerzen. Ich möchte weiterfahren, aber ich habe das Gefühl, dass mein Körper etwas Neues erlebt“, erklärt Conrad. Seine Augen weiten sich und er lächelt: „Aber es ist ein tolles Gefühl, hier zu sein. Ich fühle mich mit der Natur verbunden, mit unseren Teamkollegen, mit den Hunden, mit uns selbst – es ist fantastisch.“
Die Kameradschaft entwickelt sich schnell. Die Teams helfen sich gegenseitig, das Expeditionsleben mit jeder Herausforderung, jedem Rückschlag und jedem gelegentlichen Sturz zu meistern. Die Arktis ist nicht gerade der ideale Ort, um jemanden gut kennenzulernen. Auf dieser Expedition gibt es kein alltägliches Geplauder. Stattdessen werden Prioritäten gesetzt: die Hunde, das Team und die ständige Planung des nächsten Schritts. Wer hat die Schaufel? Sind die Hunde richtig angeleint? Wer hat Sonnencreme übrig? Wer hat Küchendienst? In diesem einzigartigen Umfeld unterstützen sich die Teams gegenseitig, springen ein, wenn andere Probleme haben, und passen beim Schlittenfahren aufeinander auf.
Dies erreicht am vierten Tag seinen Höhepunkt, als die Teams 65 km lang durch schwieriges Gelände fahren, größtenteils bergauf und in exponierter Lage. Der Wind nimmt zu und verbläst den Schnee, so dass stellenweise blankes Eis zu sehen ist. Die Zuversicht sinkt bis zur Mittagszeit und die Reise beginnt, mental ihren Tribut zu fordern: „Mein Schlitten ist völlig durcheinander, ich weiß nicht, was ich falsch mache“, erklärt Becky Chapman, eine professionelle Seekajakfahrerin aus Großbritannien. „Meine Stiefel rutschen von der Bremse, weil alles vereist ist – vielleicht stehe ich zu weit vorne, weil ich angespannt bin. Vielleicht sollte ich etwas weiter hinten stehen, aber ich fürchte, dass ich dann herunterfalle. Es ist immer noch erstaunlich, aber ich habe ziemlichen Muskelkater.“ Ihre Zweifel schwinden jedoch, wenn sie über ihr Team spricht: „Die Stimmung im Team ist großartig. Wir verstehen uns alle sehr gut, helfen und unterstützen uns gegenseitig. Wir haben prima zusammengefunden. Schweden wird danach mindestens fünf zusätzliche Einwohner haben. Wir werden alle hierherziehen!“
Jon Ayche aus Frankreich berichtet ebenfalls, wie sich sein Team an diesem bisher längsten Tag gegenseitig unterstützt hat: „Wir helfen uns gegenseitig sehr viel. Die Kälte kann den Menschen zu schaffen machen, und es ist eine raue Umgebung. Also versuche ich, mich und die anderen daran zu erinnern, dass es eine besondere Gelegenheit ist, hier zu sein. Es ist fantastisch, unter dem Sternenhimmel zu schlafen.“
Jons Team wird von dem Norweger Roy Ugseth geführt. Der professionelle Musher erklärt die mentalen und physischen Herausforderungen des Langstrecken-Hundeschlittenfahrens so: „Es ist sehr anstrengend. Man ist rauem Wetter ausgesetzt und muss in der Lage sein, sich selbst und die Hunde immer wieder zu motivieren – und das ist nicht einfach, wenn man wenig schläft und mehrere Tage lang unterwegs ist. Aber dann entdeckst du einen Teil von dir, von dem du nicht wusstest, dass er existiert. Man kann so viel mehr erreichen, als man denkt.“
Und das ist genau das, was die Teams tun.
Der Polareffekt
Als die Teams das höchste und letzte Camp der Expedition erreichen, haben sie sich an ihr neues Leben in der Arktis angepasst. Sie kennen die Persönlichkeiten ihrer sechs Hunde und haben sich an die Kakophonie ihres Geheules am Abend und am frühen Morgen gewöhnt – es ist ein Wecker, wie es keinen zweiten gibt.
Am letzten Morgen kämpft die Sonne darum, die Wolken zu durchbrechen. Manchmal bläst der Wind den Schnee zu wellenartigen Gebilden auf, die über die weite weiße Wüstenlandschaft gleiten. Die leuchtend orangen Zelte werden abgebaut und flattern wild im Wind, bevor sie weggepackt werden. Die Teams müssen aus ihren schneebedeckten Fellkapuzen heraus laut rufen, um sich zu verständigen. Sie sind müde, aber auch aufgeregt, denn sie wissen, dass in 60 Kilometern Entfernung die Ziellinie des Fjällräven Polar liegt, auf die sie fünf Tage lang hart hingearbeitet haben.
Sie passieren die schwedisch-norwegische Grenze und beginnen inmitten stimmungsvoller und schroffer Gipfel die lange Abfahrt zurück in die Zivilisation. Am Ende der Expedition signalisieren Reihen von Fjällräven-Polar-Fahnen, dass sie es endlich geschafft haben. Im Ziel warten Tränen und enge Umarmungen mit den Teamkollegen. In den Gesichtern der Teilnehmerinnen und Teilnehmer stehen Erschöpfung und Stolz. Später verabschieden sie sich bewegt von den Hunden, die sie so weit gebracht haben. „Ich habe mich noch nie so frei gefühlt wie damals, als ich mit meinem Team von sechs erstaunlichen Schlittenhunden durch Landschaften fuhr, die ich mir nie hätte träumen lassen. Das werde ich nie vergessen“, sagt die Amerikanerin Katie Baker, die zum ersten Mal in Europa war und sich hier beweisen wollte, dass sie auch schwierige Aufgaben bewältigen kann.
Nach den unverzichtbaren Teamfotos und der Rückgabe der Ausrüstung steigen alle in den Bus, der sie nach Tromsø bringen wird. Die Zivilisation scheint ihnen fremd geworden zu sein, nachdem sie so tief in die wilde Pracht der skandinavischen Arktis eingetaucht waren. Die Gesichter zeigen nach dem anfänglichen Hochgefühl an der Ziellinie eine Mischung aus Freude, Erleichterung, Genugtuung und Müdigkeit. Doch als der Bus losfährt, hat jemand im hinteren Teil des Busses gerade noch genug Energie, um ein langes und stolzes Heulen auszustoßen, genau wie seine geliebten Hunde. Und wie ein echtes Rudel heben die anderen im Bus ihre Köpfe und stimmen mit ein. Wenn Worte nicht ausreichen, um die gemeinsame Erfahrung zu beschreiben, dann sagt dieses Heulen alles.
Erst Fremde, dann Teamkollegen, und jetzt Polarabenteurer.

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