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Lesedauer 6 Minuten
Der zumindest zeitweise Verzicht auf unsere digitalen Geräte ist eine Herausforderung, die in Zukunft sicher nicht einfacher wird. Aber der Expeditionsleiter, Fotograf und Autor Ian Finch weiß Abhilfe: Er traf beim Fjällräven Classic USA Sebastian Slovin und Sonya Mohamed von der Nichtregierungsorganisation „Nature Unplugged“. Sie haben Methoden entwickelt, um sich beim Aufenthalt in der Natur von der Technik zu lösen.
Von Ian Finch
Während ich hier stehe und auf Campingplatz 2 hinabblicke, drückt das Gewicht des herannahenden Nachmittagsgewitters auf meinen Rücken, als wolle es mich an das erinnern, was noch bevorsteht. In der Ferne erstrecken sich die Gipfel der kontinentalen Wasserscheide wie Sägezahne von Norden nach Süden über den gesamten Horizont. Im Tal darunter breitet sich ein endloser Teppich aus uralten Wäldern zwischen fruchtbaren Hängen und kahlen Felsen aus. Ein See liegt spiegelglatt da. An seinen Ufern bewegen sich zwischen den Bäumen Körper auf felsigen Mulden und ebenen Grasflächen. Im Licht der Nachmittagssonne leuchten die flatternden Stoffe der Zelte, die gerade aufgebaut werden. Dazwischen ruhen sich Menschen aus.
Von meinem felsigen Aussichtspunkt sehe ich Gruppen von Wanderern, die sich mit Rucksäcken voller Ausrüstung von den Höhen herabschlängeln und darauf freuen, am Seeufer ihr Zuhause für die Nacht aufzuschlagen. Auch ich möchte dort meinen heimeligen Stoffkokon errichten. Aber ich warte noch auf meine Freunde Sebastian und Sonya von der Nichtregierungsorganisation „Nature Unplugged“. Die beiden Outdoor-Liebhaber wollen hier zu mir stoßen.
Es ist der Fjällräven Classic USA – und wir probieren eine neue Herangehensweise aus, wie wir auf Wanderungen mit Technologie umgehen wollen.
Du musst nicht viel Zeit in der Natur verbringen, um dich besser zu fühlen.
Sebastian Slovin
Nature Unplugged
Im digitalen Zeitalter das Gleichgewicht wiederfinden
In unserer technologiegesteuerten Gesellschaft werden unsere Sinne ständig von unseren Smartphones angezogen und stimuliert. Alles ist sofort verfügbar – Informationen stehen uns 24 Stunden am Tag mit einem Fingerwisch zur Verfügung. In einer Studie des Technikmagazins Techjury gaben erstaunliche 66 % der Menschen an, süchtig nach ihren smarten Geräten zu sein. Bei einer Bevölkerung von 332 Millionen Menschen in den USA sind das 219 Millionen Süchtige. Es wird erwartet, dass diese Zahl noch steigen wird, da unser Leben, unsere Geschäfte und unsere Beziehungen immer stärker mit der Technologie verknüpft werden.
Die Fjällräven-Guides Sebastian Slovin und Sonya Mohamed von Nature Unplugged aus Kalifornien wollen das Bewusstsein für diesen Kulturwandel schärfen. Sie haben neue Standards gesetzt, um sich bewusst von der Technik loszusagen. Dabei nutzen sie die Harmonie der Natur, um die Waage des Wohlbefindens im digitalen Zeitalter wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Bei ihren Werten, Gruppenwanderungen und Videos geht es nicht nur um den Verzicht auf Technik, sondern auch um einen Kreislauf der Wiederverbindung mit Mutter Erde. Mittels der Schönheit und Urkraft der Natur helfen sie uns, wieder Fuß in der komplexen Welt von heute zu fassen, die ständig um unsere Aufmerksamkeit ringt.
Ihr Ziel: „Einen Plan zu entwickeln, der Einzelpersonen, Familien, Pädagogen und Organisationen dabei hilft, sich aus den Fängen der übermäßigen Nutzung von Technologie zu befreien, sich wieder mit der Natur zu verbinden und sich auf das Leben und die Arbeit einzulassen.“
Als wir am zweiten Tag des Fjällräven Classic USA in Colorado unsere Stiefel schnüren, beleuchtet die Morgensonne die glitzernden Wassertropfen auf den umliegenden Bäumen. Über den alten Wäldern erstrecken sich orange leuchtende Berge von Ost nach West. Seb und Sonya ziehen die Riemen ihrer Rucksäcke fest, passen ihre Ausrüstung an und ziehen die Ärmel herunter, um sich vor der morgendlichen Kälte zu schützen. Heute haben wir etwa 17 Kilometer bis zum nächsten Nachtcamp zurückzulegen. Die gesamte Strecke verläuft auf einer Höhe von über 3.350 Meter. Obwohl wir schon lange befreundet sind, nutze ich während der Wanderung die Gelegenheit, tiefer in ihr riesiges Wissen einzutauchen.
Eine neue Herangehensweise an die Technik
„Es gab viele Hindernisse, die Menschen davon abhielten, sich wirklich voll auf die Natur einzulassen und sich dort ganz im Hier und Jetzt zu fühlen. Das war damals eine neue Entwicklung“, erzählt Sonya aus den Anfangstagen von Nature Unplugged. „Wir haben uns in die Forschung vertieft und festgestellt, dass es viele neue Informationen darüber gab, wie verführerisch Technologie und Geräte sind und wie schwer es ist, im Umgang mit ihnen Selbstkontrolle und Disziplin zu bewahren. Also fragten Seb und ich uns, wie wir den Menschen ein Naturerlebnis bieten und es sinnvoller gestalten könnten, indem wir es in ihren Alltag integrieren.“
Aus dieser wunderbaren Idee heraus entstanden Nature Unplugged und ihre sieben Achtsamkeits-Tipps für den Umgang mit Technologie auf Wanderungen:
- Nur wesentliche Funktionen: Verwende dein Telefon nur für das Nötigste.
- Gezieltes Fotografieren: Halte nur die wichtigsten Momente fest und lasse nicht zu, dass das Handy wichtiger als das Erlebnis wird.
- Stelle die Musik leise: Fördere eine ruhige, verantwortungsvolle Nutzung.
- Verzichte auf Routenplaner und Navi-Apps: Probiere, mit Karte und Kompass zu navigieren.
- Nutze Technik bewusst: Lasse nicht zu, dass die Technik dein Erlebnis beherrscht.
- Genieße die Natur unplugged: Lasse Telefon und andere Geräte zu Hause.
- Sei ganz im Hier und Jetzt: Fördere bewusst die Kunst, die Natur mit allen Sinnen zu erleben.
Während die Bergluft mit ansteigender Höhenlage immer dünner wird, zeigt sich die harmonische Beziehung zwischen Seb und Sonya. Sie unterhalten sich über den Antrieb, der hinter ihrer Idee steht. Nature Unplugged ist nicht nur ein Unternehmen, sondern auch eine Lebensweise, um in der modernen technikgesteuerten Welt achtsam zu bleiben. Die beiden haben eine Leidenschaft für die erlebnisreiche Reise, sich mit der Natur zu verbinden, sie mit anderen Menschen aus allen Lebensbereichen zu teilen und die Vorteile zu genießen, die eine achtsame Zeit in der Natur bietet.
„Uns liegt es am Herzen, die Natur für jeden zugänglich zu machen“, sagt Seb. „Fünf Minuten in der Natur reichen aus, um positive Emotionen wie Dankbarkeit auszulösen. Fünfzehn Minuten können physiologische Veränderungen wie eine Senkung von Herzfrequenz und Blutdruck bewirken. Man braucht nicht viel Zeit in der Natur zu verbringen, um sich besser zu fühlen.“
Wenn wir diese Erkenntnis mit dem achtsamen Ansatz von Nature Unplugged kombinieren, können wir einen Zustand innerer Balance und Harmonie erreichen. Außerdem sollten wir die Menschen um uns herum ermutigen, eine ähnliche Initiative zu ergreifen.
Wir haben uns in die Forschung vertieft und festgestellt, dass es viele neue Informationen darüber gab, wie verführerisch Technologie und Geräte sind und wie schwer es ist, im Umgang mit ihnen Selbstkontrolle und Disziplin zu bewahren.
Sonya Mohamed
Nature Unplugged
Wie wir unseren Platz in der Natur finden
Während wir in unserem nächsten Nachtcamp neben den Zelten sitzen und uns unterhalten, verschwindet die Sonne im Westen hinter den Bergen. Ihre letzten Strahlen brechen sich zwischen den Nadeln der hohen alten Kiefern. Die Bäume wiegen sich im auffrischenden Wind. Die Temperatur sinkt. Ich habe nie geglaubt, dass es bei unserer Wertschätzung für die Natur nur um die einzelnen Landschaften und Elemente ging. Vielmehr sind es unser Platz in ihr und unsere fortwährende Verbindung mit ihr, die dieser uralten und zyklischen Beziehung ihre Kraft und Bedeutung verleihen.
Für die meisten von uns erfordert es Zeit und aktive Bemühungen, sich voll und ganz der Stimmung eines reißenden Flusses oder eines aufkommenden Sturms hinzugeben – vor allem, wenn wir bedenken, wie geschäftig unser Leben heutzutage ist. Aber wenn wir täglich Achtsamkeitstechniken anwenden, können wir alle unser inneres Gleichgewicht wiederfinden. Nur wenn wir die Technik und die Geräte, die um unsere Aufmerksamkeit buhlen, ausschalten, können sich unsere Sinne neu ausrichten. Nur dann können sich unsere Sinne wieder mit der magischen, sinnlichen und erholsamen Erfahrung verbinden, die uns nur die Natur bietet.
Noch nie war es so wichtig wie heute, etwas gegen die überwältigende Anziehungskraft unserer smarten Geräte und die Anforderungen, die sie an uns stellen, zu unternehmen. Unser Wohlbefinden hängt davon ab.
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