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Gehen, wohin du willst, wann du willst und in dem Tempo, das du willst: Allein zu wandern, kann ein vielfältiges und erfüllendes Outdoorerlebnis sein – aber ist es auch das Richtige für dich? Finde es mit dem Fjällräven-Guide J.R. Harris heraus.
Damals, im August 1987, hatte der Fjällräven-Guide James Robert Harris (auch J.R. genannt) ursprünglich nicht geplant, allein wandern zu gehen. Eigentlich wollte er mit seinem besten Freund Ken Pepper zu einer dreiwöchigen Kanutour auf dem South Nahanni River im Nordwesten Kanadas aufbrechen. Doch Ken tauchte nie am Flughafen auf. Am Morgen vor der geplanten Abreise erlitt er einen Herzinfarkt und verstarb. Ken wurde nur 44 Jahre alt.
„Ich war am Boden zerstört“, sagt J.R. „Nach der Beerdigung beschloss ich, meine Trauer zu verarbeiten, indem ich allein in den Adirondack Mountains nördlich von New York wandern ging. Ich lief etwa zehn Tage ziellos durch die Landschaft. Ich war zutiefst unglücklich. Aber ich erinnere mich, dass ich mich besser fühlte, als ich wieder nach Hause kam.“
Es war die erste mehrtägige Solowanderung, die J.R. unternahm. Das Alleinsein half ihm nicht nur dabei, mit seinem Schmerz und seiner Trauer fertig zu werden. Er erkannte auch, dass er gerne ohne Begleitung wanderte. Es störte ihn nicht, allein unterwegs zu sein – ganz im Gegenteil, er freute sich darauf, es wieder zu tun. Im darauffolgenden Sommer absolvierte er sein erstes Solotrekking im Glacier National Park in Montana. Danach ging er im Banff-Nationalpark in den kanadischen Rockies wandern.
„Ich war drei Wochen lang unterwegs. Das war eine unglaubliche Tour“, erinnert sich J.R. „Es war das erste Mal, dass ich die gesamte Planung und Logistik selbst übernommen hatte. Ich war aufgeregt und freute mich darauf, auf eigene Faust unterwegs zu sein. Aber in gewisser Weise war ich auch nicht allein. Ich trug die Erinnerungen an Ken – und einen Teil seiner Ausrüstung – mit mir. Auf dieser Reise sah ich zum ersten Mal Gletscher und wilde Tiere wie Grizzlys oder Wölfe. Es waren zwar auch andere Leute auf den Trails unterwegs. Aber meistens war ich allein – und ich habe es genossen. Um ehrlich zu sein, war ich nicht allzu überrascht, dass es mir so gut gefallen hat. Ich lebe allein und bin schon immer gern für mich geblieben.“
J.R. ist heute 79 Jahre alt. Er ist in New York City geboren, aufgewachsen und lebt immer noch dort. Seine ersten Erfahrungen in der Natur machte er mit 13 Jahren, als seine Eltern ihn bei den Pfadfindern anmeldeten und ihn (gegen seinen Willen) in ein Sommerlager in den Catskill Mountains nordwestlich von New York City schickten. Dort sah er zum ersten Mal in seinem Leben den gesamten Himmel, von einem Ende des Horizonts zum anderen, ohne dass Wolkenkratzer ihm die Sicht versperrten. Während des Aufenthalts im Camp erlernte er grundlegende Outdoorfähigkeiten, die zum Überleben und Wohlfühlen in der Natur erforderlich sind. Als das Lager vorbei war, wollte er im nächsten Sommer auf jeden Fall wiederkommen.
„Nicht jeder fühlt sich wohl, wenn er solo in der Natur ist“, betont J.R. „Viele erfahrene Wanderer sagen, dass sie niemals allein in die Wildnis gehen würden. Nicht, weil sie Angst haben, sondern weil sie einfach Gesellschaft brauchen – jemanden, mit dem sie reden und das Erlebnis teilen können.
Bei mir ist das anders. Obwohl ich es auch genieße, mit Freunden zu wandern, ist es für mich die ultimative Erfahrung, allein unterwegs zu sein. Ich bin stärker im Einklang mit mir selbst und nehme meine Umgebung bewusster wahr. Ich spüre, wie sich meine Sinne schärfen, und weiß vieles mehr zu schätzen als im Beisein einer Gruppe.
Wenn ich allein bin, gehe ich keine Kompromisse ein. Ich gehe, wohin ich will, wann ich will und in dem Tempo, das ich will. Ich esse, wenn ich hungrig bin, ruhe mich aus, wenn ich erschöpft bin, und muss niemanden beruhigen, ihm zustimmen oder mich mit ihm absprechen. Mein Leben gehört während der gesamten Reise mir allein.
Das mag für manche Leute ungewohnt sein, aber ich mag es. Es gibt einen Unterschied zwischen Alleinsein und Einsamkeit – und ich habe mich noch nie einsam gefühlt, wenn ich allein in der Wildnis war.“
„Jeder Mensch passt sich auf eine andere Art und Weise an die Natur an“
J.R. sagt, dass es zu Beginn einer langen Trekkingtour eine Anpassungsphase gibt, in der man seine gewohnte Lebensweise geistig und emotional hinter sich lässt und beginnt, sich auf seine aktuelle Situation einzulassen. Er beschreibt diesen Prozess als ein „Loslösen“ – die Welt, die man hinter sich lässt, wird irrelevant, da man völlig von ihr abgeschnitten ist. Man läuft in Abgeschiedenheit und gewöhnt sich an die neue Umgebung – an Umstände, die völlig anders sind als im Alltag.
„Jeder Mensch passt sich auf eine andere Art und Weise an die Natur an“, erklärt J.R. „Natürlich spielt dabei auch eine Rolle, wie abgelegen der Weg ist und wie lange man unterwegs ist. Manche Menschen, wie ich, genießen die Umstellung, weil sie sich darauf freuen, ihr Zuhause zu verlassen und zu einer einfacheren Lebensweise zurückzukehren. Aber einfacher bedeutet nicht leichter. Es ist körperlich und geistig anstrengender als das normale Leben – aber es ist eine willkommene Abwechslung, sofern man gerne die Grenzen der eigenen Komfortzone auslotet. Auch wenn man dabei seinen Ängsten begegnet.“
„Man sollte nie Angst vor der Angst haben."
Es gab zahlreiche Gelegenheiten, bei denen J.R. mit der Angst konfrontiert wurde und mit ihr umgehen musste. Er scherzt, dass er im Laufe der Jahre so oft Angst hatte, dass er eine Doktorarbeit darüber schreiben könnte, wenn es einen Doktortitel im Fach Angst gäbe. Aber er lernte während solcher Momente auch etwas über sich selbst:
„Man sollte nie Angst vor der Angst haben. Denn Angst ist ein Teil des Lebens und kann sehr gesund sein – vor allem, wenn man erkennt, dass es selbst in einer lebensbedrohlichen Situation möglich ist, die blinde Panik zu überwinden und die überschießenden Gefühle unter Kontrolle zu bekommen. Das ist es, was Furchtlosigkeit ausmacht: nicht die Abwesenheit, sondern die Akzeptanz von Angst. Es ist eine wertvolle Lektion, die man lernen sollte. Denn man ist nie zu alt, um Angst zu haben. Das weiß ich aus eigener Erfahrung.“
Vor 35 Jahren unternahm J.R. seine erste Solowanderung. Seitdem hat er Orte in über 50 Ländern erkundet – einfach indem er einen Fuß vor den anderen setzte. Heute ist er emeritiertes Mitglied des Explorers Club sowie Mitglied des Vorstands und Vorsitzender des Ausschusses für Vielfalt, Gleichberechtigung und Integration. Er teilt seine Erfahrungen auf seiner Website www.jrinthewilderness.com, in seinem Buch „Way Out There, Adventures of a Wilderness Trekker“ und in seinem Kurzfilm „Born Curious“.
J.R. hat nicht vor, das Wandern aufzugeben – denn seine Neugier war schon immer eine Kraft, die ihn antreibt. Auch heute noch ist J.R. gespannt darauf, was sich hinter der nächsten Abzweigung verbirgt. Und wahrscheinlich wird er es allein herausfinden.
J.R.s Tipps für Solotrekking-Einsteiger
„Ich empfehle niemandem, allein loszuziehen, und möchte auch niemanden dazu ermutigen. Tatsächlich rate ich eher davon ab, allein zu wandern, so wie auch die meisten Organisationen und Veranstalter. Du musst dir sicher sein, mit jeglichen Widrigkeiten allein fertig zu werden. Wenn du also daran zweifelst, ob eine Solotour wirklich sinnvoll für dich ist, dann ist sie es wahrscheinlich nicht. Aber falls du ernsthaft daran interessiert bist – hier sind meine fünf Tipps:
- Du solltest dir im Klaren darüber sein, dass Solowanderungen eine enorme mentale und emotionale Herausforderung sein können – vor allem, wenn man es nicht gewohnt ist, Zeit allein zu verbringen. Behalte das unbedingt im Hinterkopf.
- Stelle sicher, dass jemand weiß, wohin du gehst und wann du zurückkommen wirst.
- Halte deine erste Solowanderung kurz – maximal ein oder zwei Nächte, um zu sehen, wie du reagierst.
- Wähle am Anfang eine Route, die nicht zu abgelegen ist und auf der du wahrscheinlich andere Menschen triffst – wenn auch nur vereinzelt.
- Trage ein Ortungsgerät bei dir, mit dem du kommunizieren kannst, falls du in Schwierigkeiten gerätst und mit jemandem Kontakt aufnehmen musst.“
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