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„Die Natur ist mein Leben“

Abenteuer
Lesedauer 7 Minuten
Sechs Monate im Jahr ist Lina Hallebratt unterwegs und reist von A nach B. Auf dem Rad, zu Fuß, auf Tourenski, mit dem Hundeschlitten oder im Kajak legt sie einen Kilometer nach dem anderen zurück. Dabei geht es ihr nie darum, die Schnellste zu sein oder Rekorde zu brechen. Lieber nimmt sie sich Zeit, um die Natur zu genießen.
„Jedes Mal, wenn ich auf einer meiner langen Reisen unterwegs war, habe ich etwas Neues über mich und meine Umgebung erfahren. Je mehr ich lerne, desto wissbegieriger werde ich. Am Anfang fiel es mir sehr schwer, die Zeichen der Natur zu lesen, weil ich mich voll darauf konzentrieren musste, wohin ich meine Füße setzen soll. Dabei habe ich eine wichtige Erkenntnis gewonnen: Ich weiß jetzt, was mir wirklich am meisten bedeutet und wie ich mein Leben leben will. Außerdem habe ich gelernt, Dinge zu akzeptieren. Die Natur ist dafür die beste Lehrerin. Es gibt viele Dinge, bei denen wir Menschen nichts zu sagen haben. Wir müssen sie einfach annehmen, wie sie sind“, sagt Lina Hallebratt.
Linas endloses Abenteuer begann vor zehn Jahren, als sie mit dem Fahrrad von den Lofoten zurück nach Hause nach Jämtland fuhr. Dieses Erlebnis hat Lina verändert. Bei der Radtour fühlte sie sich völlig bei sich. Sie genoss das einfache Leben, das nur von Bewegung, Essen und Schlafen bestimmt war. Nach diesem Erlebnis entstand in ihr eine tiefe Sehnsucht. Sechs Monate später durchquerte sie auf Tourenski das komplette schwedische Bergland von der Grövelsjön-Fjällstation bis ganz in den Norden zum Treriksröset, dem Dreiländereck von Schweden, Norwegen und Finnland – eine 1.300 Kilometer lange Reise.
„Ich fühlte eine große Neugier und eine undefinierbare Sehnsucht. Das hat mich raus in die Natur gezogen. Und ich liebte es! Ich glaube, während dieser Tour ist die Natur zu meinem Leben geworden. Ganz unbewusst merkte ich, welche Dinge mir im Leben wirklich wichtig sind“, erklärt Lina rückblickend.
Seitdem ist sie immer weitergegangen. Lina pilgerte nach Santiago de Compostela, wanderte die Haute Route Pyrénéenne vom Atlantik zum Mittelmeer und die Via Alpina durch die Alpen oder radelte 2.000 Kilometer quer durch Europa. Danach wollte sie zurück nach Schweden und dort das gesamte Land kennenlernen. Gesagt, getan: Sie machte eine weitere Skitour durch die schwedischen Berge, dieses Mal von Norden nach Süden. Dann paddelte sie mit dem Kajak vom Svinesund an der norwegischen Grenze die gesamte schwedische Küste entlang bis zur finnischen Grenze bei Haparanda. Und zum Abschluss durchwanderte sie die schwedischen Berge auf der gleichen Strecke, auf der sie einige Monate zuvor mit Ski unterwegs gewesen war. Nach dieser langen Tour wurde sie zur Abenteurerin des Jahres 2015 gewählt. Aber Lina hielt es nur kurz zu Hause aus. Wenige Monate später wanderte sie 4.300 Kilometer durch die USA von der mexikanischen Grenze nach Kanada. 2017 durchquerte sie die Karpaten und im Jahr darauf die Insel Kreta, von einer Küste zur anderen.
2019 unternahm sie eine weitere lange Tour, die ihr nochmals den Award Abenteurerin des Jahres einbrachte. Zunächst war sie wieder auf Tourenski in den schwedischen Bergen unterwegs. Dann paddelte sie mit dem Kajak vom Svinesund aus die schwedische Küste entlang bis Finnland undweiter bis zur russischen Grenze. Von dort ging es zurück nach Vaasa und hinüber nach Estland. Insgesamt legte sie 4.500 Kilometer zurück und verbrachte elf Tage im Kajak. Nach einem schrecklichen Überfall in Litauen, bei dem sie verletzt wurde, nahm sie die Reise in Stockholm wieder auf. Sie fuhr mit dem Rad durch Deutschland und weiter bis zum Schwarzen Meer und Istanbul: 6.000 Kilometer und über 113 Tage im Sattel!
„Bei der Reise, die ich direkt nach dem Überfall gemacht habe, habe ich am meisten über mich selbst und darüber gelernt, was mir am wichtigsten ist – wie sehr man manchmal kämpfen muss, um sein Gefühl der Sicherheit wiederzuerlangen. Ich musste viel über meine Stärken und Schwächen lernen“, berichtet Lina.
Die letzten zehn Jahre verbrachte sie mehr auf der Straße oder in der Natur als zu Hause in ihrer Hütte in Jämtland. In der Natur fühlt Lina sich einfach am wohlsten und lebendigsten. Aber egal, wo und mit welchem Transportmittel sie gerade unterwegs ist: Sie hat immer mindestens einen ihrer zehn Hunde dabei.
„Ich liebe es, neben meinen Hunden im Zelt aufzuwachen. Damit wir da reinpassen, müssen wir immer ein bisschen Tetris im wahren Leben spielen! Ich weiß nie, was der Tag bringen wird, aber ich weiß immer, dass etwas Gutes und Spannendes bevorsteht. Es ist wundervoll, mit den Hunden unterwegs zu sein, und stärkt unsere Bindung. Wir sind alle zugleich unabhängig und voneinander abhängig.“
In den letzten Jahren bestanden ihre langen Abenteuer aus Hundeschlittenfahrten im Winter. Sie hofft, dass sie dieses Jahr hundert Tage in den Bergen mit ihren Hunden verbringen kann. Im Sommer möchte sie die Via Dinarica erkunden, die vom Süden Albaniens bis nach Nordslowenien verläuft. Dort gibt es zwei Wanderwege und eine Kajakroute. Sie wird wahrscheinlich alle drei machen!
„Du erlebst die komplette Bandbreite deiner Gefühle, wenn du monatelang unterwegs bist. Ich fühle Zweifel, Stolz, Angst und überschäumende Freude – alles im gleichen Moment. Ich denke an alles und nichts zugleich. Die Eindrücke folgen in einem langsamen Tempo, sodass ich Zeit habe, sie alle zu verarbeiten. Ich glaube nicht daran, dass wir uns da draußen in der Natur selbst finden – aber ich glaube, dass wir Versionen von uns selbst kreieren können, mit denen wir uns wohlfühlen“, schließt Lina.

Welche Tipps hast du für einen Wanderer, der zum ersten Mal eine längere Wanderung unternimmt und mittendrin das Gefühl bekommt, dass er nicht mehr weiterkann?
Lege eine Pause ein, iss etwas und denke über den Zweck deiner Wanderung nach. Vielleicht hast du in Wirklichkeit ein ganz anderes Ziel als das rein geografische Ziel, das du dir anfangs gesetzt hattest? Überlege, was dir bei der Wanderung wichtig ist. Willst du von einem Ort zum anderen kommen? Oder ist der Weg das Ziel? Es wird nicht immer alles glattgehen, und eventuell hast du auch mal eine Krise. Vielleicht bist du dann einfach nur müde und benötigst eine längere Pause sowie etwas Gutes zu essen. Ich würde mich nur dann zur frühzeitigen Heimkehr entscheiden, wenn ich mehrere Tage hintereinander die intensive Sehnsucht verspüre, die Wanderung abzubrechen, und wenn selbst zusätzliche Pausen und Schokolade nicht helfen. Du machst die Wanderung für dich, also kommt es auch auf deine Bedürfnisse an. Wenn du mehr Schmerz als Freude fühlst, bist du vielleicht gerade wirklich nicht am richtigen Ort. Aber wenn es nur ein vorübergehendes Tief ist, dann schlage dein Zelt auf und iss ein Stück Schokolade. Morgen ist ein neuer Tag mit neuen Möglichkeiten!
Linas Tipps, wie du dich körperlich auf eine Weitwanderung vorbereiten solltest
Lasse dich nicht davon aufhalten, dass du dich für eine Wanderung nicht fit genug fühlst. Wähle zum Einstieg eine Strecke, die deinen aktuellen körperlichen Fähigkeiten entspricht. Ich glaube, man bleibt leicht zu Hause hängen, wenn man Angst hat, dass man etwas nicht schafft. Fange daher klein an und achte darauf, dass der erste Schritt nicht zu groß ist. Beginne damit, dass du im Zelt schläfst, aber zu Hause frühstückst und zu Abend isst. Wähle dafür einen Ort in deiner Nähe, damit die Anfahrt nicht zu lange dauert und du länger in der Natur sein kannst.
Nimm dir die Zeit, deine Ausrüstung und deine Grenzen kennenzulernen. Finde heraus, mit welcher Ausrüstung du gut zurechtkommst. Dafür musst du nicht gleich viel einkaufen. Nutze erst einmal das, was du schon zu Hause hast, und passe deine Tour daran an. Lerne, wie du etwas reparieren kannst, sowohl an deinem Körper als auch an deiner Ausrüstung! Und teste deine Schuhe gut – eine einzige Blase kann das ganze Erlebnis ruinieren.
Finde deinen eigenen Weg. Es gibt kein Richtig oder Falsch, solange weder Menschen noch die Umwelt zu Schaden kommen. Schlafe in Hütten oder Pensionen, wenn dir danach ist, oder unternimm nur Tagestouren. Wenn du dich in einem bestimmten Gebiet nicht auskennst, nimm einen Reiseführer zu Hilfe.
Die besten Wanderungen sind immer die, die du tatsächlich machst!
Linas Tipps, wie du dich mental auf eine Weitwanderung vorbereiten solltest
Ich glaube, es gibt so viele Strategien, wie es Menschen gibt. Einige lesen gerne Artikel und träumen sich an einen Ort. Andere machen lieber etwas anderes. Unser größter Feind sind unsere eigenen Ängste. Finde Strategien, um sie zu bewältigen. Wenn du Angst hast, in einem Zelt zu schlafen, beginne in einer Umgebung, in der du dich sicher fühlst. Wenn es das Wohnzimmer oder der Balkon ist, dann fange dort an. Wenn du weißt, wie deine Ausrüstung funktioniert, fühlst du dich sicherer. Lerne, wie man ein Zelt aufbaut, und probiere deinen Campingkocher gut aus. Suche dir Dinge, die dich glücklich machen, z. B. ein Buch, das du im Zelt lesen kannst, oder etwas Schokolade!

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