
Abenteuer
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Als Jens Assur damit begann, seine Familie in der Natur zu fotografieren, ahnte er nicht, dass daraus ein siebenjähriges Projekt entstehen würde. Es befasst sich mit der komplexen Beziehung zwischen Mensch und Natur sowie den damit verbundenen Vorteilen und Konflikten. Hier erklärt Jens Assur mehr über sein neues Werk, das er Privat Natur genannt hat.
Fjällräven: Wie würdest du Privat Natur in deinen eigenen Worten beschreiben?
Jens Assur: Privat Natur ist eine Darstellung der Beziehung des Menschen zur Natur und zum modernen Leben in der Natur. In diesem Fall sind die Menschen meine Familie und ich. Ich habe sieben Jahre lang unsere Interaktionen mit der Natur fotografiert.
Vor einigen Jahren haben meine Familie und ich begonnen, der Natur immer näher zu kommen. Wir entdeckten, dass wir uns sehr wohl fühlten, wenn wir dort draußen waren – nicht nur als Einzelpersonen, sondern auch als Familie. Also machte ich zum ersten Mal privat Fotos – nicht, weil ich die Bilder veröffentlichen wollte, sondern weil ich diese Momente festhalten wollte, die wir gemeinsam in der Natur erlebten.
Nach ein paar Jahren erkannte ich, dass es eine größere Geschichte zu erzählen gab, die sich auf unsere Beziehung zur Natur bezog: Welchen Einfluss hat die Natur auf uns und welche Spuren hinterlassen wir? Als wir dort draußen waren, entdeckten wir, dass wir nicht nur „in der Natur“ waren, sondern uns dort auch selbst wiederfanden. Denn in der Natur können wir uns selbst begegnen und verstehen, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Das ist es, was ich in Privat Natur vermitteln möchte.
Die Natur ermöglicht außerdem ein Gefühl der Gemeinschaft, eine bestimmte Art von Nähe und Intimität. Diesen Aspekt wollte ich teilen: die Begegnungen meiner Familie mit der Natur, unsere Erlebnisse sowie die aktuellen Themen und Fragen, die in unserer Zeit relevant geworden sind.
Ein wichtiges Thema des Buches ist der Konflikt zwischen dem Schutz der Natur und ihrer Zugänglichkeit für alle. Wie ist dieses komplexe Gleichgewicht deiner Meinung nach zu erreichen?
Ich finde es unglaublich wichtig, dass wir das schwedische Gesetz über das Jedermannsrecht, das „Allemansrätt“, respektieren und schützen. Für mich ist es sogar von grundlegender Bedeutung für die schwedische Gesellschaft. Wir haben damit etwas Einzigartiges, das jedem die Möglichkeit gibt, in die Natur zu gehen, unabhängig von seinem finanziellen oder sozialen Status.
Beispielsweise sind die Hütten, die der schwedische Fremdenverkehrsverband zur Verfügung stellt, eine fantastische Ressource. Die dortigen Wanderwege ermöglichen es auch Menschen mit relativ geringen Outdoorkenntnissen, sicher zu wandern, ohne viel Ausrüstung mitbringen zu müssen. Das ist ein großartiger Einstieg, um mehr über die Natur zu erfahren.
Manchen Menschen mangelt es jedoch an Wissen darüber, wie man sich in der Natur richtig verhält. Das könnte unser Recht auf den Aufenthalt dort bedrohen. Daher ist es wichtig, dass wir Wissen und Bildung über das Leben in der Natur vermitteln – zum Beispiel, wie wichtig es ist, seinen Müll wieder mit nach Hause zu nehmen, oder wie man in der Natur richtig auf die Toilette geht. Viele Neulinge in der Natur wissen nicht genau, wie sie sich richtig verhalten sollen. Ich sehe kein Problem darin, dass viele Menschen in die Natur gehen. Das Problem ist vielmehr, wie sich die Menschen in der Natur benehmen.
Ein weiteres Problem ist das Ausmaß, in dem die Natur kommerzialisiert wird. Ist es zum Beispiel sinnvoll, mit einem Hubschrauber auf den höchsten Berg Schwedens zu fliegen? Ich denke, es ist vernünftig, solche Dinge zu hinterfragen. Stattdessen sollten wir die Menschen dazu ermutigen, ihre Ziele selbstständig zu verfolgen – mit der richtigen Ausrüstung und den richtigen Sicherheitsmaßnahmen. Dadurch lernen sie, wie sie sich in der Natur verhalten sollten, während sie dort draußen sind.
Heute gibt es außerdem mehrere Interessengruppen, die das Jedermannsrecht einschränken wollen. Das finde ich schockierend. Manche verlangen zum Beispiel, dass man für den Besuch der schwedischen Berge eine Genehmigung einholen und bezahlen muss. Es steht im Raum, dass wir uns an den USA orientieren sollen. Dort muss man für alles bezahlen und weit im Voraus buchen. Das würde bedeuten, dass viel weniger Menschen Zugang zur Natur haben. Das ist im Moment eine problematische Situation. Aber ich denke, es ist vernünftig und wichtig, dass wir einen Dialog führen, der nicht nur Interessengruppen einbezieht. Diese Fragen betreffen alle Bürger.
Wie kann zeitgenössische Kunstfotografie einen Beitrag zu diesem Thema leisten?
In erster Linie hoffe ich, dass die Ausstellung und das Buch mehr Menschen dazu motivieren und inspirieren, ihre eigene Beziehung zur Natur aufzubauen. Für mich kann jeder, der eine Beziehung zur Natur hat, immer ein reiches und aktives Leben führen, unabhängig von seiner Stellung in der Gesellschaft. Ich hoffe auch, dass Privat Natur den Menschen mehr Informationen und Wissen über das Recht auf Streifzüge in der Natur und das öffentliche Recht auf Zugang zur Natur vermittelt. Schließlich geht es bei diesem Projekt darum, das Bewusstsein zu schärfen und die Menschen zu einer Debatte über die Themen des Projekts zu bewegen. Ich denke, es ist wichtig, dass diese Diskussionen auf breiter Ebene geführt werden. Deshalb hoffe ich, dass ein Projekt dieser Art die Vorteile des Lebens in der Natur fördern und den Menschen die Bedeutung unseres Verhaltens in der Natur näherbringen kann.
War Privat Natur von Beginn an ein Projekt oder hat ein bestimmtes Ereignis die Idee für das Projekt erst später hervorgebracht?
Als ich mit dem Fotografieren begann, gab es kein Projekt. Ich wollte mich einfach an die Momente erinnern, die wir als Familie erlebten. Das Ziel war, dass meine Kinder später auf diese Erinnerungen zurückblicken können, die für meine Frau Jennie und mich von großer Bedeutung waren. Aber dann erkannte ich, dass sich eine größere Geschichte entwickelte. Sie bezog sich auf unsere Beziehung zur Natur – wie wir uns mit ihr auseinandersetzen und sie erleben. Da beschlossen wir, die Fotos in ein Projekt zu verwandeln und tiefer in die Fragen einzutauchen, die sich daraus ergaben.
Aber alles entstand aus der Entdeckung heraus, dass wir es einfach liebten, als Familie in der Natur zu sein. In der Natur erlebt man Müdigkeit, Hunger, Zufriedenheit, Energie, Adrenalin, Ruhe, Harmonie – und ich denke, am besten sieht man diese Erfahrungen auf den Fotos. Wir sind gewandert, Kajak und Rad gefahren oder haben gezeltet. Deshalb haben wir unseren Lebensstil geändert und sind nach Norden in ein kleines Dorf namens Duved in Jämtland gezogen. Dort hatten wir die Natur gleich um die Ecke. Wir mussten keine weiten Strecken mehr fahren, um sie zu erreichen. Außerdem fand ich es interessant, in einer Umgebung zu leben, die für die dort lebenden Menschen so eine hohe Bedeutung hat. Viele Menschen, die im Norden Schwedens leben, haben sich aktiv dazu entschieden, dort zu bleiben. Oder sie sind extra in diese Gegend gezogen, weil sie die Natur lieben und das reiche Leben in der Natur zu schätzen wissen, das man dort oben hat.
Hattest du schon immer so eine enge Beziehung zur Natur?
Ich bin in den schwedischen Bergen aufgewachsen, in dem kleinen Weiler Stora Blåsjön im nordwestlichen Jämtland. Er liegt nur wenige Kilometer von der norwegischen Grenze entfernt weit weg von großen Straßen oder Städten. Meine Eltern haben dort ein Berghotel im örtlichen Skigebiet betrieben. Daher bin ich mit Skifahren oder Angeln aufgewachsen und war die ganze Zeit draußen. Irgendwann verließ ich Stora Blåsjön und landete in Stockholm, wo ich für eine Weile die Beziehung zur Natur verlor. Ich interessierte mich mehr für Kultur, Politik und Medien. Ich liebte es, in Museen zu gehen, mir die neuesten Filme anzusehen und an größeren Diskussionen teilzunehmen. Aber als Jennie und ich Kinder bekamen, wollte ich ihnen die gleiche Erziehung zukommen lassen, die ich selbst erlebt hatte. Durch die Kinder habe ich nach vielen Jahren meine Lust an der Natur wiedergefunden.
In dem Buch gibt es wunderbare Kontraste zwischen epischen Landschaften und einfachen Schnappschüssen der Familie, wie sie andere Leute vielleicht auch aus ihren eigenen Fotoalben kennen. Wie ist aus diesen Familienmomenten eine solche Vielfalt von Bildern entstanden?
Alle Fotos in Privat Natur sind spontan entstanden. Der Ansatz war immer, die Dinge ‚in echt‘ zu machen. Dadurch, dass wir uns ständig der Natur ausgesetzt und uns Herausforderungen gestellt haben, ergaben sich immer wieder neue Situationen. Natürlich passierte an manchen Tagen nichts und an anderen Tagen sehr viel. Der Schlüssel war einfach, zur richtigen Zeit da zu sein. Ich habe also ziemlich intensiv fotografiert, weil ich in den Fotos Authentizität und Intimität wiederfinden wollte.
Das Spaßige bei einem solchen Projekt mit Kindern ist, dass man sich in ziemlich surrealen Situationen wiederfindet. Kinder sind ja voller Leben und haben eine riesige Bandbreite an Gefühlen. Das ist vielleicht der Grund, warum dieses Projekt sieben Jahre gedauert hat – man kann nicht planen, einen kompletten Tag mit Kindern zu fotografieren! Wir haben einfach beschlossen, rauszugehen und gemeinsam etwas zu unternehmen. Am Ende waren es 1,2 Millionen Fotos. Für das Buch mussten wir 200 davon auswählen. Das hat Zeit gekostet, aber es hat sehr viel Spaß gemacht.
Welches Foto ragt für dich heraus?
Ein Foto, das mir sehr viel bedeutet, habe ich gleich zu Beginn des Projekts aufgenommen, als die Jungen in einer Schubkarre schliefen. Wir waren nach einer Party in den Schären vor Stockholm auf dem Rückweg zu unserer Unterkunft. Die Jungen waren schon lange eingeschlafen, und wir legten sie in eine Schubkarre und liefen so durch den Wald. Wir kamen an eine Lichtung, und da es in Stockholm Sommer war, war es draußen noch hell. Also blieb ich stehen, um dieses Foto zu machen. Für mich ist es einfach ein wunderschönes Foto. Sie wirken so sicher und harmonisch.
Was hast du durch die Arbeit an Privat Natur gelernt?
Meine Familie und ich haben viel über uns selbst gelernt. Wir haben ein Verständnis dafür gewonnen, wie wir funktionieren – sowohl als Einzelpersonen als auch als Familie. Denn die Natur hat uns die Möglichkeit gegeben, etwas gemeinsam zu tun. Ich glaube, viele Familien sind frustriert, weil wir alle uns oft einsam fühlen und alle immer nur auf den Bildschirm schauen. Aber sobald wir nach draußen gegangen sind und eine Umgebung betraten, in der wir sehr oft Spaß hatten, die anregend und aufregend war, passierte etwas, und jeder profitierte davon.
Wir haben auch gelernt, dass wir das Allemansrätt schützen müssen. Die Idee, rauszugehen und in der Natur aktiv zu sein, ohne dass man im Besitz großer Ländereien sein muss, ist fantastisch. Auf der anderen Seite haben wir von all den Konflikten erfahren, die es da draußen gibt. Das ist etwas, worüber wir weiterhin viel lernen werden. Zum Beispiel die Fragen rund ums Reisen. Ich bin in meinem Leben viel gereist, und ich habe es genossen. Ich stamme aus einer Generation, in der Reisen etwas Positives war. Reisen bedeutete, die Welt zu sehen, neue Kulturen kennenzulernen, unseren Platz in der Welt zu verstehen. Heute wird das Reisen stark in Frage gestellt und kritisiert, was ja auch richtig ist. Dieser Wandel ist mir schwer gefallen, aber wir müssen einen neuen Ansatz finden. Werde ich ganz mit dem Reisen aufhören? Nein. Aber ich werde sicherlich auf eine andere Art und Weise reisen. Jede Reise muss eine Rechtfertigung haben, wir können nicht mehr nur zum Vergnügen reisen. Es geht auch darum, wie wir reisen, was wir essen und wo wir wohnen. Als Familie befinden wir uns mitten in diesem Prozess, wie sicher viele andere auch.
Viele Familienbilder in Privat Natur wirken sehr idyllisch. Bildet das die Realität ab? Habt ihr auch manchmal Streit wegen der Bildschirmzeit und des Umgangs mit elektronischen Geräten?
Oh, andauernd! Wir haben uns entschieden, den Kindern etwas anderes zu bieten. Trotzdem würden sie sich wohl für die Videospiele entscheiden, wenn man sie vor die Wahl stellen würde, ob sie wandern oder Videospiele spielen wollen. Aber sie haben gelernt, dass es Spaß macht, wenn wir wandern, und dass dabei meistens etwas Interessantes passiert. Aber klar, manchmal stoßen wir auch auf Widerstand. Es kann sein, dass sie auf der Skipiste zusammenbrechen und nach Hause wollen, weil es ihnen keinen Spaß mehr macht. Und das ist auch in Ordnung. Aber ich denke, es geht auch darum, hartnäckig zu sein und ihnen vielleicht eine andere Möglichkeit anzubieten, wenn das passiert.
Was hoffst du, dass die Menschen aus Privat Natur für sich mitnehmen?
Ich hoffe, die Menschen bauen dadurch eine eigene Beziehung zur Natur auf. Es gibt so viele verschiedene Möglichkeiten, eine Beziehung zur Natur zu haben. Für uns ging es darum, uns selbst herauszufordern. Diese geistigen und körperlichen Herausforderungen waren für uns wichtig. Für andere kann es jedoch beispielsweise einfach nur darum gehen, sich in der Natur zu bewegen und zur Ruhe zu kommen. Das ist jedem selbst überlassen. Aber ich hoffe, dass mehr Menschen rausgehen, der Natur und zugleich sich selbst in der Natur begegnen.
Ich hoffe aber auch, dass sich mehr Menschen dazu entschließen, ihre Komfortzone zu verlassen. Ich kenne viele Menschen, die gerne mehr in der Natur unternehmen würden. Aber sie haben das Gefühl, dass es irgendwie unbequem ist. Sie sind nicht bereit, in einem Zelt oder einer Berghütte zu schlafen. Sie wollen es bequem und sicher haben. Aber genau dann, wenn man seine Bequemlichkeit verlässt, passieren interessante Dinge. Ich möchte also, dass die Leute sich selbst herausfordern.
Und schließlich hoffe ich, dass dieses Projekt weitere Diskussionen darüber anregen wird, wie wir uns in der Natur verhalten und wie wir sie pflegen wollen – insbesondere angesichts des gestiegenen Interesses an der Natur, das in den letzten Jahren zu beobachten war. Ich glaube nicht, dass es darum geht, den Zugang zur Natur einzuschränken oder sogar ganz zu schließen. Ich denke, es geht darum, nachhaltige Wege zu finden, wie wir gemeinsam und konfliktfrei in der Natur leben und wie wir langfristig handeln können. Das bedeutet, wir brauchen mehr Wissen und mehr Bildung.
-ENDE-
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