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Kaffee, Kaiserschmarren und Käsespätzle

Fjällräven Classic
Lesedauer 9 Minuten
Marina war schon länger nicht mehr wandern – aber beim Fjällräven Classic Germany im Allgäu gewinnt sie die Freude am Leben in der Natur zurück. Regenwolken und Blasen am Fuß können ihr nichts anhaben. In Erinnerung bleiben vor allem die wunderbaren Panoramablicke, die kulinarischen Genüsse und die herzlichen Menschen.
57 Kilometer und über 2000 Höhenmeter in drei Tagen? Sollte machbar sein! Als Marina Zielke zum ersten Mal vom Fjällräven Classic Germany hört, kriegt sie sofort Lust auf ein Abenteuer in den Allgäuer Bergen – auch wenn ihre letzte große Wanderung schon etwas zurückliegt. Zusammen mit ihrem Freund läuft die Berlinerin ihre neuen Wanderschuhe im Volkspark Wilmersdorf und in Schöneberg ein.
Dienstag, 15:30 Uhr: Ankunft in Immenstadt
Marinas Zug kommt zeitgleich mit einem Regenschauer in Immenstadt an. Vom Bahnhof sind es zwanzig Minuten Fußweg bis zum Freibad am Kleinen Alpsee. Hier soll am nächsten Morgen die erste Etappe starten. Auf dem Weg zum Fjällräven-Camp fallen ihr die in Nebelschwaden gehüllten Berggipfel auf. Das muss die Nagelfluhkette sein, Teil des gleichnamigen Naturparks. Aufregung und Vorfreude machen sich breit: Willkommen im Allgäu!
16 Uhr, Kleiner Alpsee
Im Camp erklären ihr die Volunteers auf einer Karte die Strecke rund um den Großen Alpsee. Je zwei Checkpoints sind zu passieren, bevor das Tagesziel jeder Etappe erreicht ist. Der erste Tag wird mit einem 7,2 Kilometer langen Anstieg zum ersten Checkpoint auf 1.442 Meter Höhe beginnen – der herausforderndste Teil der Wanderung liegt gleich hinter dem Start. Mit der Wanderkarte, einem Trekking-Pass, einem Müllbeutel und einem Sicherheitstuch in oranger Signalfarbe für den Rucksack ist sie jetzt offiziell für den Fjällräven Classic Germany eingeschrieben. Im Versorgungszelt deckt sie sich mit einer Kartusche für den Gaskocher, Kraftriegeln, Tee, Kaffeepulver und einem vegetarischen Curry für den ersten Tag ein. Es kann losgehen!
17 Uhr, Campingplatz
Der Himmel zieht zu. Marina muss ihr Zelt auf dem Campingplatz am See aufbauen, bevor es zu regnen beginnt. Sie wählt die Nähe zum See, obwohl Volunteer Jörg ihr abrät: die Feuchtigkeit sei höher, je näher man Wasser sei. Logisch, aber es regnet ja sowieso. Als das Zelt schließlich steht, hilft Jörg noch, alles auf Spannung zu ziehen. Der Regen kann kommen! Aber was gibt es Schöneres, als im Zelt zu liegen, während draußen der Regen prasselt? Marina verschwindet in ihrem Schlafsack.
Tag 1 – 7:30 Uhr, Campingplatz
Das Trommeln des Regens auf der Zeltwand läutet den Morgen ein. Ein Blick auf die Uhr: halb acht. Reges Treiben auf dem Zeltplatz. Immerhin noch Zeit für eine Tasse Kaffee im Schlafsack, glaubt Marina. Doch statt eines Kaffees erhält sie eine Antwort auf die nicht gestellte Frage, warum die Symbole am Zelteingang davor warnen, den Gaskocher im Vorzelt zu benutzen. Eine Stichflamme, der Geruch von verkohltem Haar und ein ordentlicher Schreck sind die Bilanz dieser Erfahrung.
9 Uhr, Start
Die Alphörner, die den startenden Wandergruppen musikalisches Geleit gegeben haben, sind längst verstummt, als sie den Startpunkt erreicht. Der Abbau des nassen Zeltes hat länger gebraucht als gedacht. Doch bevor es losgeht, hängt Marina ihren Rucksack an den Haken einer Waage: 13,5 Kilogramm! Gar nicht mal so wenig. Dabei hat sie wirklich nur das Nötigste dabei. Um 9:15 Uhr wird Marinas Trekking-Pass abgestempelt. Der Aufstieg beginnt.
10:30 Uhr, Bühl am Alpsee
Egal, wie ungemütlich das Wetter auch sein mag, beim Wandern kommt man schnell auf Temperatur. „Am besten ist, wenn man beim Loslaufen ein bisschen friert“, lautet der Tipp von Antonia, die das Feld von hinten aufrollt. Sie ist Bergläuferin und weiß, wovon sie spricht. Der Weg führt vorbei an Kühen in einen Wald, der von tiefen Wolken verschluckt wird. Marina findet ihr eigenes Tempo und schreitet wie in Trance Meter um Meter in die Höhe. Diese Stimmung ist einfach perfekt für den ersten Tag.
12 Uhr, Kemptener Naturfreundehaus
Nach drei Stunden hat Marina es geschafft: Der Wald lichtet sich und sie erkennt das blaue Zelt des ersten Checkpoints – der höchste Punkt der gesamten Wanderung. Nach dem steilen Anstieg hat sie sich eine Brotzeit im Kemptener Naturfreundehaus verdient. Doch noch größer als ihr Hunger ist das Bedürfnis nach einem Kaffee. Schnell kommt sie in der urigen Hütte mit anderen ins Gespräch. Unterschiedlichste Sprachen erfüllen die Räume, die Rucksäcke sind geschmückt mit Patches vergangener Fjällräven Classics von Skandinavien bis Südkorea. Marina lernt Debbie und deren Mann Alex kennen, die ebenfalls zum ersten Mal am Classic teilnehmen. „Ich finde es gut, dass man hier ganz in Ruhe sein eigenes Tempo laufen kann“, schwärmt Debbie.

„Ich werde mich nie wieder über Deutsche mit Wanderstöcken lustig machen. Die Dinger haben mich gerettet.“

Marina Zielke

17:45 Uhr, Obere Klammalpe
„Normalerweise hast du hier auf der oberen Klammalpe eine mega Aussicht!“ Kira, Physiotherapeutin und eine der Volunteers, holt am zweiten Checkpoint ihr Handy heraus und zeigt Marina Fotos vom Vortag. Da war sogar der Große Alpsee von hier aus zu sehen. Heute reicht die Sicht nur hundert Meter weit – der Nebel lässt nicht nach. „Ab morgen wird es besser“, versichert Kira. Ihr Mann wartet wenige Kilometer weiter an einer kniffligen Schlüsselstelle, um den Wanderern zu helfen. „Danach geht es nur noch bergab“, lässt Kira Marina wissen.
19:45 Uhr, Nachtcamp 1, Hochgrat
Die Volunteers haben sich im Nachtcamp im Spalier aufgestellt, um die Wandernden klatschend willkommen zu heißen. Aber mehr als über den Applaus und die riesige Pfanne Kaiserschmarren freut Marina sich darüber, die Wanderschuhe gegen ihre Schlappen auszutauschen. Der Abstieg hat sie voll gefordert: „Ich werde mich nie wieder über Deutsche mit Wanderstöcken lustig machen“, berichtet sie. „Die Dinger haben mich gerettet.“ Am Ende des Tages ist sie 1.030 Meter bergauf und 870 Meter bergab gelaufen.
Tag 28:00 Uhr, Hochgrat
Die Morgensonne tränkt den Zeltplatz in goldenes Licht. Auf den Zelten und Grashalmen glitzert der Tau. Ein paar letzte Nebelwolken kleben vereinzelt an den Bergen. Marina genießt eine Tasse Kaffee und die entspannte Morgenstimmung. Jörg gibt ihr letzte Tipps zum Schnüren der Wanderschuhe, während ihr Zelt über den Zaun gehängt trocknet. Eine Blase an der Ferse macht ihr Sorgen. Aber sie hat Blasenpflaster mitgenommen und hofft, damit gut durchzukommen.
12.00 Uhr, Buchenegger Wasserfälle
Der Weg führt entlang der Weißach in einer tiefen Schlucht durch ein Naturwaldreservat. Der erste Teil der Etappe ist nicht besonders anspruchsvoll. An den Buchenegger Wasserfällen stürzt der Fluss laut tösend 25 Meter tief in eine Gumpe. Marina kühlt ihre Füße im eiskalten Wasser. Einige Classic-Teilnehmer packen die Gaskocher aus und erwärmen sich ein Essen, andere machen Fotos vor der Kulisse. Nach der kleinen Erholung geht es für Marina weiter. Eine Brücke führt über den reißenden Fluss in einen Wald. Ein steiler Pfad leitet sie über Stufen aus Wurzelwerk bergauf. Der Schatten der Bäume sorgt für angenehme Kühlung.
14:30 Uhr, Moosalpe
Als Marina das blaue Zelt des Checkpoints an der Alm hinter der Kurve erkennt, ist sie erleichtert. Ihr Fuß wird zunehmend zum Problem. Am Checkpoint stiefelt sie zielstrebig zum nächsten freien Tisch, um ihre Brotzeit zu bestellen. Während sie auf das Essen wartet, befreit sie ihre Füße aus den Wanderschuhen. „Wenn es nicht besser wird, schlucke ich eine Schmerztablette und laufe zur Not in Sandalen weiter“, nimmt sie sich vor.
16:00 Uhr, Hündlekopf
Kurz hinter dem Checkpoint bemerkt Marina, dass Kira ihr gefolgt ist. Diese wirft einen Blick auf den lästigen Fuß und klebt ihn an den nötigen Stellen mit Sporttape ab. Zusammen setzen sie den Fußmarsch fort. Es ist nicht mehr weit zum Gipfelkreuz des Hündlekopfs in 1.112 Metern Höhe. Marina ist erleichtert. Sie hätte es wahrscheinlich auch ohne das Tape ausgehalten, aber jetzt läuft es sich viel angenehmer. Kira nimmt eine Abkürzung, doch das verstößt gegen Marinas sportlichen Ehrgeiz. Über den Bergkamm wandert sie alleine zum Gipfel. Auf dem Weg begegnet sie einem freundlich grüßenden Mann mit Wanderhut, Lederhose und Hosenträgern – er wirkt wie jemand, der sich an Karneval als Wanderer verkleidet hat, und kommt ihr irgendwie bekannt vor.
17:00 Uhr, Hündle Berggaststätte
An der Berggaststätte Hündle warten Kira und andere Volunteers, um hinter Marina die Wegweiser auf der Strecke einzusammeln. Durch ihre Probleme mit dem Fuß ist Marina zum Schlusslicht geworden. „Schau mal, wer da vorne sitzt“, zeigt Kira auf den Mann mit dem Wanderhut. Er hat sich in der Gaststätte ein Bier bestellt. „Das ist Wigald Boning!“ Der Comedian und Fernsehmoderator wird hier am Abend eine Lesung halten. Während Kira und die anderen Volunteers sich auf eine Portion Käsespätzle zu ihm gesellen, zieht es Marina weiter: Sie will nicht als Letzte ins Ziel kommen.
18:00 Uhr, Holzerhütte
Wenige Meter hinter der Berggaststätte erreicht Marina eine Weggabelung. Anders als üblich steht hier kein Wegweiser. Die handtellergroßen Schilder sind in der Regel entlang des Trails aufgestellt und lassen keine Zweifel, wo es langgeht. Nach kurzer Überlegung entscheidet sie sich für den Weg geradeaus. Es geht steil bergab, durch mehrere Weidetore und an Kühen vorbei. Als sie an einer Bundesstraße ankommt, wird ihr klar, dass sie sich verlaufen hat. Aber den Weg zurückzugehen, ist keine Option. Also läuft sie an der Straße weiter. Schon nach wenigen hundert Metern erkennt sie im Wald ein blaues Zelt: der zweite Checkpoint! Sie trifft Debbie und Alex wieder. Letzterer glaubt gesehen zu haben, wie ein Bauer den Wegweiser aus der Erde gezogen hat.
19:20 Uhr, Nachtcamp 2 Oberstaufen
Nach 17 Kilometern erreicht Marina das zweite Nachtcamp auf einer Lichtung am Fuß der markanten Nagelfluhkette. Sie hat es geschafft, trotz der Blase an ihrem Fuß durchzuhalten. Die Sonne färbt den Himmel in rosige Töne. Im Camp herrscht Feierlaune. Viele Zelte sind bereits aufgebaut. Die Wanderer sitzen in kleinen Gruppen zusammen. Doch Marina ist zu erschöpft und will einfach nur in ihren Schlafsack. Ein Highlight gibt es aber noch: Ihre Zeltnachbarn bringen Puffmais und Öl – so gibt es zur Feier des Tages eine Portion Popcorn aus dem Gaskocher.
Tag 311:30 Uhr, Jugethöhe
Der letzte Tag vergeht für Marina wie im Flug: Im Tal liegen noch dichte Nebelschwaden, als sie ihr Zelt zusammenpackt und das Camp als eine der ersten verlässt. Der Trail bietet eine gute Aussicht auf den Großen Alpsee. „Es ist gut, so früh gestartet zu sein“, freut sich Marina, die immer wieder kurz rastet und sich am Wegesrand in der Sonne erholt. Am ersten Checkpoint herrscht reges Treiben, denn das Team von Primus spendiert Kaffee. Marina, schon immer ein Kaffeejunkie, lässt sich ihre Tasse zweimal füllen.
14:30 Uhr, Alpseeblick
Nach der Extraladung Kaffee fällt ihr die Wanderung extrem leicht. Marina erinnert sich an Kiras Worte: „Auf jeder Wanderung gibt es einen Punkt, an dem man nicht weiterkommt, verzweifelt oder sich streitet. “ Marina hatte diesen Punkt gestern erreicht. Umso einfacher findet sie es heute, die Natur zu genießen. Im Naturschutzgebiet kann sie abschalten. Statt beim zweiten Checkpoint wieder auf einer Alm einzukehren, sucht sie sich ein Plätzchen auf der Wiese, kocht sich ein Gericht und genießt den Ausblick auf den im Tal schimmernden See.
18 Uhr, Immenstadt
Dann ist es geschafft: Unter tosendem Applaus läuft Marina im Ziel ein. Als sie in die vielen bekannten Gesichter sieht, wird ihr klar, dass sie zwar die meiste Zeit für sich gelaufen ist, jedoch immer auch mit all den anderen Teilnehmenden. Jetzt gibt es ein kühles Bier und Spätzle. „Ich hätte nicht gedacht, dass mir einige so schnell ans Herz wachsen würden“, sinniert sie. „Es fühlt sich heute ganz anders an, hier ein Bier zu trinken, als noch vor drei Tagen im Regen, als ich niemanden kannte.“ Bei Livemusik werden noch ein paar Geschichten erzählt und Nummern getauscht, dann muss Marina zum Bahnhof. Das Versprechen, das sie sich und den anderen gegeben hat: „Nächstes Jahr sehen wir uns hier wieder!“

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