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Bitte lächeln – es regnet!

Natur
Lesedauer 6 Minuten
Die Natur braucht den Regen zum Überleben. Warum sind unsere Gefühle ihm gegenüber dennoch oft gemischt? Wir erkunden, was Wissenschaft, Mythologie und Psychologie dazu sagen.

Vielleicht kennst du jemanden, der sich über den Regen freut und ihn mit einem Lächeln begrüßt.

Wenn der Wetterbericht Regen voraussagt, empfinden viele das als schlechte Nachricht. Aber ist das gerechtfertigt? Ist Regen nicht ein geniales Recyclingsystem, welches das Leben auf der Erde erst ermöglicht? Ohne Regen könnten wir hier nicht existieren.
Nirgendwo wird das offensichtlicher als in der Wüste. Du musst dir nur eine Filmkamera vorstellen, die über eine dürregeplagte Savanne schwenkt. In der Erde haben sich Risse gebildet, nirgends ist ein Hauch von Grün zu sehen. Die Tiere kämpfen um das blanke Überleben. Dann kommt der Regen. Der langersehnte Schauer prasselt auf den Boden. Das Wasser sickert ein und schafft damit die Voraussetzungen, dass das Leben wieder erblühen kann. Das Gras wächst, die Pflanzen strecken sich in die Höhe, die Tiere finden wieder Futter und die Wasserlöcher füllen sich.
Ohne Regen kann die Natur nicht überleben. Dennoch kommt es vor, dass wir uns ärgern, wenn wir zu einer Wanderung aufbrechen wollen und am Horizont Regenwolken entdecken.
Aber das muss nicht so sein. Regen wirkt sich auf jeden von uns anders aus – und nicht immer so, wie man sich das landläufig vorstellt. Eine Studie von 2008 fand heraus, dass Regen – oder besser gesagt dessen Mangel – zum Niedergang von drei chinesischen Dynastien beitrug: Durch die Analyse von Stalagmiten in einer Höhle konnten die Forscher Perioden mit extrem geringen Niederschlägen mit katastrophal schlechten Reisernten, Hungersnöten, Unruhen und dem Fall der Tang-, Yuan- und Ming-Dynastien in Verbindung bringen.
Auf der anderen Seite hängen starke Regenfälle in modernen Zeiten mit einer niedrigen Kriminalitätsrate zusammen: Eine Studie der New York Times zeigte 2009, dass die Mordrate in New York City an Regentagen fällt.
Bevor wir tiefer in die Frage eintauchen, welchen Einfluss Regen auf uns hat, schauen wir uns erst einmal an, wie er überhaupt entsteht.
Wenn warme und kalte Luftmassen zusammentreffen
Fakt ist: Warme Luft bindet mehr Feuchtigkeit als kalte Luft. Wenn warme Luft aufsteigt, kühlt sie jedoch ab. Dadurch kondensieren die mitgeführten Wassermoleküle zu Regentropfen. Diese fallen zur Erde als – ja, genau: Regen.
Aber warum steigt die warme Luft überhaupt nach oben? Ein Szenario ist, dass die feuchte Luft auf eine geografische Besonderheit wie einen Berg trifft und nach oben ausweicht. Das erklärt, warum manche Bergketten auf einer Seite viel Regen abbekommen und auf der anderen Seite nur wenig. So ist das zum Beispiel am Himalaja: Auf der einen Seite herrschen extrem starke Regenfälle, auf der anderen Seite liegt die Wüste Gobi.
Regen kann sich auch an warmen Tagen bilden, an denen sich der Boden aufwärmt und Feuchtigkeit aus der Umgebung anzieht. Diese Feuchtigkeit verdampft und steigt so lange nach oben, bis sie abkühlt und zu Regentropfen kondensiert. Diese Art Regen geht oft in plötzlichen Schauern an den Orten nieder, an denen er auch entstanden ist. Dabei bilden sich häufig große Gewitterwolken.
Manchmal prallen auch warme auf kalte Luftmassen und treiben die warme Luft nach oben. Vielleicht kennst du so ein Regenband in der Ferne: Du kannst genau sehen, wo die Grenze zwischen den Gebieten mit und ohne Niederschlag verläuft.
Die Frage ist: Auf welcher der beiden Seiten möchtest du stehen?
Bist du pluviophil?
Stell dir einen drückend schwülen, feuchtwarmen Tag vor, an dem es abends endlich regnet. Kennst du dieses Gefühl der Erleichterung, wenn die Luft plötzlich klar ist und die Temperaturen fallen? Sicher hast du dann schon einmal die Regentropfen auf Blüten und Blättern betrachtet. Sie gleichen glänzenden Tränen, die in einer dünnen Membran zittern, die ihr flüssiges Inneres an Ort und Stelle hält. Bald schon folgt der einzigartige Geruch, den nur Regen mit sich bringt: feuchte Erde, feuchter Asphalt. Dann beginnen die Vögel plötzlich wieder zu singen. Das Leben geht weiter.
Das alles erinnert uns daran, wie wundervoll die Natur ist, und dass Regen oft ein Gefühl von Behaglichkeit, Ruhe und Harmonie erzeugt. Wenn es regnet, scheint die Umgebung für einen Moment innezuhalten. Eine Pause zu machen. Durchzuatmen. Die Vögel verstummen, die Tiere und Menschen suchen Schutz in einem Unterschlupf. Es ist kaum verwunderlich, dass das Geräusch von Regen oft zur Meditation eingesetzt wird. Viele von uns würden wohl der Aussage zustimmen, dass dieser Klang etwas Friedvolles hat.
Es gibt aber auch diejenigen, die richtig aufleben, wenn der Himmel seine Schleusen öffnet. Sie begrüßen den Regen mit einem Lächeln. Sie juchzen, wenn der erste Tropfen auf ihr Gesicht trifft. Sie sehen es als Herausforderung, ein wenig länger draußen zu bleiben. Diese Menschen haben einen Namen: Pluviophile, also Regenliebhaber.
Für Pluviophile ist Regen etwas, das sie genießen. Dabei ist es egal, ob sie aus dem Haus heraus die Regentropfen beobachten, die sich auf der Fensterscheibe ein Wettrennen liefern, oder ob sie nach draußen gehen und sich im Regenschauer tummeln.
Biblische Fluten und Regengötter
Die Haltung zum Regen hängt davon ab, wo auf der Erde man lebt. In gemäßigten Zonen mit vier Jahreszeiten wird Regen oft negativ wahrgenommen. In trockenen Gebieten heißt man den Regen dagegen willkommen. Hier ist er eine Frage von Leben und Tod.
Die Bedeutung des Regens hat Filme, Songs, Bücher und Kunst inspiriert – ja, sogar Währungen. In Botswana zahlt man mit Pula, und das bedeutet – du ahnst es sicher schon – „Regen“, welcher dort sehr selten und damit etwas Wertvolles ist.
Regen ist auch Teil von Religionen und Mythologien. Es ist bekannt, dass indigene Völker Regentänze aufführen. Ähnliche Rituale finden sich in afrikanischen Kulturen und den Bräuchen der Anasazi-Völker, die seit circa 400 n. Chr. jahrhundertelang auf dem Gebiet des heutigen Nord-Arizona und New Mexico lebten. In der griechischen Mythologie herrscht Zeus über den Himmel und ist der Gott der Wolken, des Regens, des Blitzes und des Donners. Im Christentum repräsentiert der Regen den Zorn Gottes. Seine große Flut ertränkt alles und jeden, außer Noahs Familie sowie jeweils einem Paar aller Landtiere der Welt. In Mesopotamien verehrten die Akkader die Wolken als Brüste und den Regen als Milch. Die Sumerer glaubten, dass der Himmelsgott An mit dem Regen seinen Samen verstreute, um Ki zu befruchten, die Göttin der Erde.
Die Psychologie des Regens
Wie stark beeinflusst Regen unsere Laune? Vielleicht gar nicht so extrem, wie du denkst.
Studien belegen, dass die Verbindung zwischen regnerischem Wetter und unserer Stimmung gar nicht so ausgeprägt ist, wie man gemeinhin vermutet. Natürlich ist es gut belegt, dass unser Körper das „Schlafhormon“ Melatonin produziert, wenn wir lange Zeit zu wenig Sonnenlicht gesehen haben. Die Produktion des „Glückshormons“ Serotonin nimmt dagegen ab. Daraus könnte man folgern, dass Regen uns depressiv und Sonne uns glücklich macht. Solche Annahmen entstehen, wenn wir das glauben, was wir für einen Fakt halten. Wenn wir also zu „wissen“ glauben, dass wir uns bei Regen schlecht fühlen, dann fühlen wir uns auch so!
1980 führte David Watson, ein Psychologieprofessor an der Notre Dame University in Indiana, eine Studie an 18 japanischen College-Studenten durch. Er fragte sie jeden Tag, wie sie sich fühlten. Dann verglich er diese Aussagen mit den Wetterdaten. Das Ergebnis war überraschend: Ihre Stimmung war vom Wetter völlig unabhängig. Später führte er die gleiche Studie mit 478 College-Studenten in Texas durch – das Ergebnis war das gleiche. Selbst an Tagen, an denen mehr als 25 mm Regen fielen, war keine Auswirkung auf die Laune der Teilnehmer zu erkennen.
Ob wir den Regen nun als Wissenschaft, als Zorn Gottes oder als Milch aus dem Schoß des Himmels betrachten – nur eines ist wirklich sicher: Er kommt und geht, wie er will. Daher sollten wir Regen als das begrüßen, was er ist: Leben. Weil die Natur immer auf uns wartet – bei Regen und bei Sonnenschein.

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